Zeitdokumente - Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts


Über den Schwaierten Pannekauken und das „Negerdorf“ am Kreinberg Ortsheimatpfleger Lothar Meißgeier liest Schwerter Gedichte opp Platt

Texte und Lebensumfeld der Autoren Albert Külle und Josefine Bornemann bieten spannende Zeitdokumente

Schwerter Plattdeutsch im Original bot Lothar Meißgeier mit einer Lesung aus dem Werk des Schwerter Stadtpoeten Albert Knülle als auch mit dem Vortrag eigener Texte aus dem kleinen Gedichtband mit dem Titel „Hiärwestblaumen“. 

Einen hoch interessanten Abend verbrachten die Gäste der Veranstaltung „Zeitdokumente- Autor*innen des 20. Jahrhunderts“. In dem Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor boten die beiden Referenten Martin Gerst und Sabine Totzauer auf Einladung und Idee von Emmi Beck spannende Einblicke in das Wirken und Werk der beiden Autoren Albert Knülle und Josefine Bornemann.

Martin Gerst, Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen stellte den Schwerter Autor Albert Knülle vor, der überwiegend in Plattdeutsch geschrieben hat.  Martin Gerst erklärte: „Ich bin leider nicht der Plattdeutschen Sprache mächtig“ und betonte seine Freude, mit Lothar Meißgeier, verdient u.a. als  Westhofener Heimatpfleger und ausgezeichnet mit dem Ehrenring der Stadt Schwerte,  einen „mächtigen“ Partner für die Vorträge der Verse an seiner Seite zu haben. So las Meißgeier unter anderem Knülles Text „Dat Pannekaukendenkmol“, für dessen Aufstellung  sich Knülle mit seiner großen Vorliebe für den „Schwaierten Pannekauken“ lange stark gemacht hatte. Streiflichter fielen in dem Vortrag auch auf den  Schwerter Autoren Walter Höher, der ebenfalls auf Niederdeutsch geschrieben hat. (Der Vortrag von Martin Gerst ist unter dem Link am Ende des Artikels nachlesbar.)

Sabine Totzauer führte das Publikum nicht nur in das Werk der Autorin Josefine Bornemann ein, sondern auch per Bildvortrag durch das Eisenbahn-Ausbesserungswerk in Schwerte-Ost (Bau 1914), durch das sie ihre Besucher ehrenamtlich auch „live“ im Alltag führt. Ebenso wurde die Eisenbahnersiedlung am Kreinberg mit ihren damals neuen Errungenschaften des modernen Wohnens, als Lebensumfeld der Autorin Bornemann spannend beleuchtet.

So nahm Josefine Bornemann in ihren Versen, die zwischen 1913 und 1923 entstanden sind, auch in amüsanten Zeilen zum Aussehen ihres Ehemannes Bezug auf den Namen „Negerdorf“, der lange für die Siedlung in Schwerte-Ost stand. Sabine Totzauer bot eine von verschiedenen Erklärungsvarianten: Da die Wohnungen als große Neuheit alle mit einem Bad ausgestattet waren, hätten die Arbeiter des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes es als umständlich befunden, von den Werkshallen bis an das hintere Ende des riesigen Geländes zu laufen, um dort die Duschen zu nutzen. Daher hätten  sich viele der Arbeiter dunkel-schmutzig durch das naheliegendem Tor zur Siedlung auf den Heimweg begeben. Überlegungen zur politisch-korrekten Sprachnutzung seien damals noch nicht angestellt worden, daher der damals ungehemmte Gebrauch des Namens „Negerdorf“. Ein Frühlingsgedicht von Josefine Bornemann setzte den Schlusspunkt des Vortrags.

Den Schlusspunkt des unterhaltsamen Abends setzte Reinhard Weiss, der schon zuvor mit kleinen Zwischenspielen auf der Gitarre und gemeinsamen Gesang für Abwechslung gesorgt hatte. Die Gäste wurden mit dem passenden Lied von Reinhard Mey verabschiedet, das alle gerne mitsangen: Gute Nacht, Freunde!

Text und Fotos: Martina Horstendahl

Beifall für die guten Vorträge
Sabine Totzauer
Lothar Meißgeier
Martin Gerst
Reinhard Weiss
Die Aktuere und Akteurinnen des Abends

Martin Gerst ist Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen und erster Schräpper im Vorstand der Östlichen Nachbarschaft in Westhofen

Stadtpoet Albert Knülle pflegte das Plattdeutsch Josfine Bornemann schrieb auf dem Kreinberg

Martin Gerst und Sabine Totzauer präsentieren spannende Persönlichkeiten           in der Reihe "Zeitdokumente - heimische Autor*innen des 20. Jahrhunderts"

Die Pflege und Erhalt der plattdeutschen Sprache standen im Lebensmittepunkt von Albert Knülle (1878–1961),  den man auch den Stadtpoeten nannte. Noch im vorigen Jahr sorgte eine plötzlich wieder aufgetauchte Schallplatte aus den 50er/60er Jahren  mit Knülles Gesang des Gedichtes „Wo dä Ruhr sick schlängelt...“ für Furore. Knülle  ist einer der schreibenden Schwerter Persönlichkeiten, die in der nächsten Veranstaltung  der Reihe „Zeitdokumente – heimische Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ am 10. April um 19 Uhr im Alten Rathaus der Schwerter Mitte am Markt in den Focus gestellt werden.

In dem Bürgerprojekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor stellt Martin Gerst, Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen, den Autor und Heimatfreund Albert Knülle vor. Die Einführung von Martin Gerst wird auch weitere Heimatfreunde und Heimatpfleger wie z.B. Lothar Meißgeier, der auch die plattdeutschen Texte Knülles vortragen wird,  oder Josef Spiegel in den Blick rücken, die sich öffentlich zu unserer Heimatstadt Schwerte bekannt und sich in ihrem Engagement der Heimatpflege gewidmet haben. Sie alle haben wichtige Zeitdokumente erschaffen und hinterlassen.

Sabine Totzauer ist Geschäftsführerin im Oberschicht und aktiv bei den Schwerter Eisenbahnfreunden Schwerte. Sie leitet regelmäßig fachkundige Besucher-Rundgänge durch das ehemalige EAW.

Auch Josefine Bornemann (1894 -1930) hat mit ihren Gedichten aus der Eisenbahner-Siedlung in Schwerte-Ost  solche Zeitdokumente hinterlassen. Die junge Ehefrau und Mutter hält in ihrem „Tagebuch“ (1913 – 1923) in freiem Versmaß fest, was sie und ihr familiäres Umfeld in Schwerte –Ost bis zu ihrem frühen Tod mit 36 Jahren bewegt: Hochzeiten, Geburten, Grubenunglück, Erlebnisse des Ersten Weltkrieges usw. Sie überliefert uns damit eine Chronik ihrer Zeit. Einige Reime sind schwermütig, andere zeugen von feinsinnigem Humor. Literaturkritiker urteilen, dass sie bei entsprechender Förderung viel mehr hätte erreichen können.

Sabine Totzauer, aktiv im Oberschicht und bei den Eisenbahnfreunden Schwerte, zeigt  bei ihrer Vorstellung der Autorin aus der Eisenbahnersiedlung auch den revolutionären Neubeginn für Schwerte auf, als 1914 der Bau des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes und der Kreinberg-Siedlung unterschrieben wurden. Neue Chancen auf Arbeitsplätze und auf neue Mitbürger waren damit besiegelt. Im Sinne der auch vom „Bauhaus“ praktizierten Philosophie des „Arbeitens und Wohnens nebenan“ entstanden moderne Wohnungen mit großen Gärten und Komfort. Alle Bedürfnisse der EAW-Arbeiter und deren Familien konnten im engen Umkreis erfüllt werden, wie Sabine Totzauer auch veranschaulichen wird, wenn sie Josefine Bornemann und ihre Texte in ihrer Umgebung verortet.

Musikalisch begleitet wird der Abend mit Gitarrenklängen von Reinhard Weiss aus Holzen. Die Organisation hat Emi Beck im Rahmen der Bürgerprojekte aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor übernommen. 


15.02.2019

Autor Alfred Hintz zeigt Schicksal der Juden in Schwerte auf                   Junges Theater "gegenwind" sorgt erschütternd für Gänsehaut

Die Erinnerung an die Greul der Naziherrschaft wachhalten, um eine Wiederholung zu verhindern

Gänsehaut und Erschütterung haben die jungen Darsteller der Theatergruppe „gegenwind“ mit Szenen zu Drangsalierung, Deportation und Ermordung Schwerter Juden erzeugt. Anhand von Schicksalen einzelner Schwerter Familien blieben Angst und Grauen der Nazi-Zeit im Herzen spürbar, im Kopf weiterhin unfassbar.

Nachgestellte Szenen jüdischen Lebens in Schwerte unter dem Nazi-Terror: Es dominieren Hilflosigkeit und Verzeiflung
Angst und Trauer
Fassungslosigkeit

Autor und Historiker Alfred Hintz gab in seinem Vortrag „Jüdisches Leben in Schwerte“ eingehende Informationen zur Geschichte. In einem Abriss schilderte er, wie der Alltag der Juden landesweit und speziell in Schwerte sich über lange Zeit gestaltete (siehe Link unten zum Herunterladen des gesamten Vortrags). Dabei machte er deutlich: In Schwerte habe es immer ein gutes und harmonisches Zusammenleben der verschiedenen Religionen gegeben. So seien auch die Juden vollkommen integriert gewesen.

Juden waren in das Schwerter Stadtleben vollkommen integriert

Als wohlhabende Geschäftsleute seien sie stark im Stadtparlament der Stadt vertreten gewesen, in dem sie sich mit großem Einsatz für die Belange Schwertes engagiert haben. Auch gemeinsame Feste seien mit Respekt und Rücksichtnahme in guter Nachbarschaft innerhalb der Schichte begangen worden, so dass der gemeinsamen Freude am Feiern nichts im Weg gestanden habe. Ein gutes Dokument für diese Verbundenheit sei das 1885 von Dr. Friedrich Theodor Tütel verfasste „Schwerter Nachbarschaftslied“ (Link zum Nachlesen des Nachbarschaftsliedes siehe unten). So sei das Leben gut und in Harmonie verlaufen – bis in den 30er/40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Naziherrschaft alles zerstört habe.

Gerlinde Heinrich erläuterte die Bedeutung der Schwerter Stolpersteine, die an die Schicksale der Menschen jüdischen Glaubens erinnern, die einstmals in Schwerte in Ruhe und Frieden gelebt hatten – dann aber so grausam aus ihrem Alltag gerissen und unter Zwang in die Kette von Diffamierung, Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz, Deportation und Tod eingegliedert wurden. Als ehemalige Realschul-Lehrerin hatte Gerlinde Heinrich das Interesse ihrer Schüler an dem Thema „Judentum in Schwerte“ mit der Gründung einer Theatergruppe geweckt. Noch heute, nach ihrer Pensionierung, ist sie die „Chefin“ der Theatergruppe „gegenwind“. Mit ihren Auftritten möchte die Gruppe auch jetzt, mehrere Jahre über ihre Schulzeit hinaus weiterhin daran mahnen, die Greul der Vergangenheit nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass dieser Teil der Geschichte sich nicht wiederholen kann.

Abwendung von demokratischen Grundwerten künftig früh bekämpfen

Klaus Irmscher, ehemaliger Kantor der St. Viktorkirche, gestaltete den musikalischen Rahmen am Klavier themenbezogen mit Werken der jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy und Louis Levandowski. In der anschließenden Diskussion,  gewandt geleitet von Moderatorin Bianca Dausend, war den Wortbeiträgen der Gäste zu entnehmen:  Die schrecklichen Erinnerungen an die 30er/40er Jahre  des vergangenen Jahrhunderts müssen wach gehalten werden und erste Anzeichen für einen Richtungswechsel weg von den demokratischen Grundwerten – anders als damals - gleich bekämpft werden. Denn so etwas darf nie wieder geschehen.

Die Reihe  „Zeitdokumente – Schwerter Autoren und Autorinnen im 20. Jahrhundert“ ist ein Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor, initiiert und organisiert von Emmi Beck und Klaus Irmscher. Zur nächsten  Veranstaltung  mit Autorinnen und Autoren aus Schwerte wird am 10. April in das Alte Rathaus der Schwerter Mitte am Markt eingeladen.

Text und Fotos: Martina Horstendahl

Autor Alfred Hintz
Die Akteure des Abends
Moderatorin Bianca Dausend
Musiker Klaus Irmscher (Kantor a.D.)
Schluss-Ablaus für Gerlinde Heinrich (r.) und ihr Theater-Team

Foto: M. Horstendahl

Zeitdokumente – Schwerter Autoren           und Autorinnen im vorigen Jahrhundert

Reihe startet mit Alfred Hintz: Das jüdische Leben in Schwerte/ Gerlinde Heinrich und "gegenwind" stellen Stolpersteine vor/         Klaus Irmscher spielt Klavier-Werke jüdischer Komponisten

Durch Schilderung des damaligen Zeitgeschehens und persönlicher Empfindungen geben Schwerter Autoren und Autorinnen Einblicke in das 20. Jahrhundert.

Sie erzählen in ihren Werken aus verschiedenen Perspektiven über Leben und Wirken im Ruhrtal. Dies stellen sie persönlich - oder vertreten und ergänzt durch Angehörige und Freunde vor. Im Mittelpunkt stehen Zusammenleben, Neuanfang, Veränderungen und Bekenntnisse. 

In einer lockeren Reihenfolge werden in diesem Jahr mehrere Veranstaltungen zu und mit heimischen Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts angeboten. Der Blick geht dabei quer durch die vergangenen hundert Jahre. Beginn ist jeweils um 19 Uhr im Alten Rathaus in der Schwerter Mitte am Markt.

Die Auftaktveranstaltung unter der Moderation von Bianca Dausend startet am Mittwoch, 13. Februar 2019. Dann eröffnet Autor Alfred Hintz mit dem Thema: „Das jüdische Leben in Schwerte und unsere Erinnerungskultur“ den Autoren-Reigen. Ergänzt wird die Lesung durch Referentin Gerlinde Heinrich, die über die Bedeutung der „Stolpersteine“ in unserer Stadt berichtet. Im Rahmenprogramm treten die junge Theatergruppe „gegenwind“ sowie Klaus Irmscher am Klavier mit Musik jüdischer Komponisten auf. Im Anschluß ist Gelegenheit für eine gemeinsame Diskussion mit den Gästen anberaumt.

Alfred Hintz, geboren in Schwerte, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 30 Jahre als Journalist für verschiedene Zeitungen. Danach ging er seinen historischen Interessen nach und studierte Geschichte. Als Historiker widmet er sich der Schwerter Stadtgeschichte. Gerlinde Heinrich, pensionierte Realschullehrerin, weiß, wie bei Schülern und Schülerinnen die Erinnerungskultur wachgehalten wird.

Die Veranstaltung ist ein Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor. Idee und Organisation: Emmi Beck, Beratung und Organisation: Klaus Irmscher. Der Eintritt ist frei, Spenden sind gerne willkommen.