Zeitdokumente - Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts


11.09.2019

Verschiedene Sichten auf Heimat von Friedhelm A. Berthold und Klaus Irmscher:

Verwurzelt als "Schwerter Junge" mit netten Anekdoten aus alten Zeiten Neustart mit Hindernissen und Heimatliebe, die erst wachsen musste

Auf einen historischen Stadt-Rundgang durch das alte Schwerte nahm Pädagoge und Theologe a. D. Friedhelm Arno Berthold seine Zuhörer in der Veranstaltung „Zeitdokumente – Schwerter Autor*innen des 20. Jahrhunderts“ mit. Er beschrieb Vergangenes so bildhaft, dass jeder die Schilderungen gut nachvollziehen und verorten konnte, ohne seinen Stuhl im Alten Rathaus verlassen zu müssen. 

Friedhelm Arno Berthold berichtete mit seinem großen Wissen aus vergangenen Schwerter Zeiten

Friedhelm Arno Berthold, ein echter Schwerter Junge, berichtete spannend von der Entwicklung der evangelischen Gemeinden in Schwerte, gespickt mit Erlebnissen aus seiner Kindheit und Jugend in Schwerte. Ein Beispiel war die gemeinsame Ausgrabung des Grabsteins von Alfred Pepper. Zu den evangelischen Pfarrern konnte F.A. Berthold genaue Beschreibungen des Schaffens und Strebens liefern, Unterschiede und Weiterentwicklungen benennen und nette Anekdoten erzählen.

Als Zeitzeuge ist der 86jährige ein unerschöpflicher Quell von Erfahrung und Wissen aus dem Schwerter Leben, was die Besucher des Bürger*innen Projekts aus dem „Atelier der Ideen“ sehr zu schätzen wussten. Am Ende der Veranstaltung hatten jüngere Besucher*innen viel Neues und Interessantes über ihre Heimatstadt erfahren, die älteren tauschten noch manche Erinnerung an vergangene Schwerter Zeiten mit dem Referenten  aus.

"Wo bin ich denn hier eigentlich gelandet"?

Nicht weniger in den Bann zog Klaus Irmscher die Gäste im Alten Rathaus mit dem Bericht seiner mühseligen Anfänge als junger Kantor aus Sachsen in Schwerte. Er schilderte – im Rückblick zu feinem Humor fähig – dass die Situation bei seiner Ankunft in Schwerte ohne Orgel, ohne Chor und ohne Interesse an Kirchenmusik den jungen Musiker bis an seine Grenzen gefordert hatte. Selbst als mit viel Arbeit ein Chor zusammengestellt war, eine mehr schlechte als rechte Orgel organisiert und Konzertprogramme angeboten werden konnte, blieben die Besucher*innen zunächst aus. Auch bekannte auswärtige Gastmusiker konnten die Schwerter*innen nicht zu den Kirchenkonzerten locken. „Da hab ich mich mehr als einmal gefragt: Wo bin ich denn hier gelandet?“ berichtete Klaus Irmscher.

Klaus Irmscher schilderte amüsant seinen nicht ganz so einfachen Start in die neue Heimat Schwerte

Dann habe er begonnen, sich mit der Geschichte Westfalens und der Stadt Schwerte zu befassen, habe tieferes Verständnis für die Menschen dieser Region erhalten und so einen besseren Zugang zu den Schwertern gefunden. „Mit den Marktmusiken, die jeden Samstag zur selben Zeit vom Frühjahr bis Sommer angeboten werden, gelang dann der Durchbruch“, schilderte Klaus Irmscher. Danach waren auch die anderen Kirchenkonzerte gut besucht, der Kantor respektiert, sein Können anerkannt. Inzwischen sei im laufe der Zeit - mit Überwindung der zahlreichen Hindernisse und mit der Gründung einer Familie hier – Schwerte dann tatsächlich zu seiner Heimat geworden.  

So kann Klaus Irmscher heute auf gute Ergebnisse seiner langjährigen Arbeit in einer letztlich sehr guten Schwerter Gemeinschaft zurückblicken und betonte nochmals seine Freude darüber, dass mit der Übergabe des "Staffelstabs" an Kantorin Clara Ernst eine mehr als würdige Nachfolgerin gefunden worden sei. Clara Ernst begleitete den Abend auch musikalisch mit Klavierwerken von Grieg und Bach, wobei sie ihr Talent überzeugend präsentierte. Emmi Beck, Organisatorin des Bürger*innen-Projekts der Bürgerstiftung St. Viktor, freute sich besonders auch über die kleine literarische Zugabe von Klaus Irmscher, der eigene Kurzgeschichten und Gedichte vortrug. So wurde eine interessanter und spannender Abend abgerundet, den viele Gäste als sehr gelungen lobten.

Clara Ernst gestaltete den musikalischen Rahmen des Abend
Klaus Irmscher trug auch eigene Texte in Lyrik und Prosa vor
Die Beiträge des Abends fanden großen Zuspruch der Gäste

Kantor a.D. Klaus Irmscher: Aller Anfang in Schwerte war schwer    Theologe F.A. Berthold: Das Leben in der Ev. Kirchengemeinde

Zwei Referenten berichten in dem Bürger*nnen-Projekt "Zeitdokumente - heimische Autoren des 20. jahrhunderts" aus ihren Erfahrungen

Theologe und Pädagoge a.D. Friedhelm Arno Berthold und Kantor a.D. Klaus Irmscher sind am Mittwoch, 11. September, zu Gast  in dem Bürger*innen-Projekt der Bürgerstiftung St. Viktor „Zeitdokumente - Heimische Autoren des 20. Jahrhunderts“ im Alten Rathaus der Schwerter Mitte am Markt. Ab 19 Uhr werden die beiden Referenten über ihr Leben und ihre Erfahrungen in Schwerte erzählen.

Friedhelm Arno Berthold

Friedhelm Arno Berthold hält einen Vortrag über das protestantische Leben in Schwerte, vorwiegend nach dem Zweiten Weltkrieg. Anschaulich möchte er die  baulichen Entwicklungen der St. Viktor Kirche darlegen, vom Abbau der Emporen bis hin zum Einbau der neuen Kernorgel. Ein besonderes Merkmal richtet er auf die Wiederherstellung in alter Form nach der Schutzverhüllung der kostbaren Glasfenster und des Antwerpener Schnitzaltars nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zudem richtet er seinen Blick auf die Veränderungen in der Schwerter Bevölkerung nach dem Krieg, deren Gefüge sich damals z. B. durch den Zuwachs neuer Bürger*innen veränderte. F.A. Berthold zeigt seine Sicht auf, wie sich die Entwicklung Schwertes  „Vom Ackerstädtchen auf dem Weg zum kulturellen Mittelpunkt“ vollzieht und welche Auswirkungen dies auf die (kirchen-)gemeindliche Struktur hat. Der Heimatforscher, der einige Jahre auch im Vorstand des Schwerter Heimatvereins tätig war und dort die Jahreschronik verfasste, weiß zahlreiche Fakten und Berichte aus der Vergangenheit, darunter nette Anekdoten, zu erzählen.

Klaus Irmscher

Im zweiten Teil des Abends zeigt Klaus Irmcher, langjähriger Kantor von St. Viktor (bis zur Pensionierung 2015), seinen langen Weg auf, der ihn aus Sachsen über verschiedene Ausbildungsstätten sowie das Studium in Süddeutschland und im Rheinland hin zu seiner Heimat in Westfalen führte.

Aller Anfang ist schwer, das spürte Klaus Irmscher hautnah in Schwerte. Seine Arbeit begann bei Null, ohne Orgel, ohne Finanzen – und kaum fähige Chormitglieder waren vorhanden. Sein Herz und sein Kopf aber waren voller Ideen und Pläne. Engagierte Pfarrer an St. Viktor unterstützten ihn mit ordnenden Rahmenplänen und klaren Zielvorgaben.

So getragen von Unterstützern und einem sich stets vergrößernden Netzwerk stellte sich dank Irmschers großem Einsatz Schritt für Schritt der Erfolg ein. Neue Formate vergrößerten stetig Qualität und Anerkennung der Kirchenmusik in St. Vitkor. 2015 bei seiner Pensionierung konnte Klaus Irmscher dankbar erkennen: der Kantor war Institution geworden. Die ev. Kirchenmusik hatte in Schwerte ein Gesicht bekommen. – Wie erst die Kirchenmusik in St. Viktor wachsen musste, hatte es auch seine Zeit gebraucht, bis Klaus Irmscher heimisch in Schwerte wurde. Davon erzählen er und seine Niederschriften am 11. September.

Kantorin Clara Ernst wird den Abend musikalisch umrahmen. Die Organisation des Projektes aus dem „Atelier der Idee“ der Bürgerstiftung hat Emmi Beck übernommen. Der Eintritt ist frei, Spenden für weitere Bürger*innen-Projekte sind willkommen.


Tochter Bettina Kramp
Ur-Enkel Paul Mörtenkötter
Gisela Halbach (Querflöte) und Klaus Irmscher (Klavier)

Williy Kramp fasste neue Wurzeln in Schwerte wie der umgepflanzte Birnbaum im Garten

Kinder, Enkel und Urenkel lasen im Alten Rathaus der Schwerter Mitte ausgesuchte Texte zu seiner Sicht auf die Heimat vor

Willy Kramp und seine Sicht auf Heimat standen im Vordergrund der Veranstaltung „Zeitdokumente – Heimische Autoren des 20. Jahrhunderts", einem von Emmi Beck und Klaus Irmscher organisierten Bürger-Projekt aus dem "Atelier der Ideen" der Bürgerstiftung St. Viktor. Willy Kamps Familie gestaltete den Abend mit herausgesuchten Texten passend zum Thema. So trugen Sohn Michael, Tochter Bettina, Urenkel Paul und Enkelin Katharina verschiedene Passagen aus dem schriftstellerischen Werk des christlichen Autors (1909-1986) vor, die aus seiner subjektiven Perspektive Beobachtungen seines direkten Umfeldes beschreiben, persönliche Erlebnisse schildern und so auch seine Empfindungen widerspiegeln. 

Mehrere Heimaten möglich

Herausgearbeitet wurde, dass es in Willy Kramps Verständnis möglich gewesen sei, mehrere Heimaten zu finden. Der kriegsbedingte Verlust der Heimat in Pommern, für deren Schilderung er in der Erinnerung wärmende und auch ein wenig wehmütig anklingende Worte findet, war offensichtlich ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Dem folgte die Sehnsucht nach dem Zuhause, nach Frau und Kindern während des Krieges und der langen sowjetischer Kriegsgefangenschaft, als die Heimat so fern und das Herz so schwer war. Und dennoch sei es ihm gelungen, als er kurz nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft 1950 die Leiter-Stelle in Evangelischen Studienwerks Haus Villigst bekommen habe, Schwerte als eine weitere Heimat zu akzeptieren.

Schilderungen von Spaziergängen im Ohl, notierte Erlebnisse mit den Studenten und Studentinnen in Haus Villigst und Berichte zu seinem Alltag während seiner Krebskrankheit zeigen seinen Blick auf die neue Heimat.

Symbolhaftigkeit für das eigene Leben

In der von Kramp niedergeschriebene Geschichte des Birnbaums im heimischen Garten in Villigst hat sich laut Tochter Bettina ihr Vater ein wenig selbst gesehen: Der Birnbaum musste aus der Mitte des Gartens an den Rand gepflanzt werden, da er im Weg stand. Mit banger Erwartung hat die Familie über eine Zeitspanne von vielen Monaten beobachtet, ob der Baum  wieder angehen  und neu austreiben würde. Dann konnte mit großer Freude festgestellt werden, dass er wieder Früchte trug und gut verwurzelt war. So teilte Willy Kramp sein Schicksal mit dem Birnbaum – beide haben es geschafft, sich neu zu verwurzeln.  Dass Kramp die Geschichte des Birnbaums aufgeschrieben hat zeigt, wie sehr sie ihm in ihrer Symbolhaftigkeit für sein eigenes Leben am Herzen lag.

Musikvorträge als sensible Begleitung

Musikalisch stimmungsvoll umrahmt wurde der Abend mit Kompositionen für Klavier und Querflöte, feinfühlig vorgetragen von Klaus Irmscher und Gisela Halbach.Temperamentvolle Stücke wechselten sich mit besinnlichen Interpretationen ab und boten so eine passende Begleitung der Texte.

Bücher und Schriften von Willy Kramp können unter anderem in der Stadtbücherei Schwerte ausgeliehen werden.

Redaktion und Fotos: Martina Horstendahl

Die Akteure und Akteurinnen des Abends: v.l. Michael Kramp, Emmi Beck, Paul Mörtenkötter, Bettina Kramp, Katharina Kramp, Klaus Irmscher, Gisela Halbach

Willy Kramp

Willy Kramp: Ein "eigenwilliger Schriftsteller"   und die Beziehung zu seiner Heimat

Ehemaliger Leiter des Evangelischen Studienwerks Villigst gestaltete auch den Kirchentag mit und sprach in der ARD-Sendung "Das Wort zum Sonntag"

Williy Kramp (1909 -1986) wird als nächste Persönlichkeit in der Reihe „Zeitdokumente – heimische Autoren des 20. Jahrhunderts“ im Alten Rathaus der Schwerter Mitte vorgestellt.  Am 10. Juli stehen ab 19 Uhr sein schriftstellerisches Werk und seine Beziehung zur Heimat im Mittelpunkt des Bürgerprojekts aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor. Dann zeigen seine Angehörigen den Lebensweg von Willy Kramp auf, berichten von seinen Leitgedanken und stellen sein Wirken vor. 

Prägende Stationen seines Lebens – wie etwa die sowjetische Gefangenschaft  - werden herausgearbeitet und in Bezug zu seinem Werk gesetzt. Willy Kramp war von 1950 -1957 Leiter des Evangelischen Studienwerks Villigst. In diesen Jahren prägte er den Evangelischen Kirchentag mit. Zudem war er als Sprecher in der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“ tätig. Bis zu seinem Tod arbeitete er als Schriftsteller. 1967 wurde er mit dem Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. Der Urkunden-Text beschreibt: Willy Kramp „bestätigt in seinem Werk nach Form und Inhalt ein humanum, in dem Gebundensein des Menschen an Glaube, Heimat und den Nächsten erkennbar sind. Er erweist sich als eigenwilliger Schriftsteller, dessen Sprache und Darstellung der Moderne zugewandt sind, aber aus der Tradition schöpft.“

Musikalisch begleitet wird der Abend von Klaus Irmscher (Klavier) und Gisela Halbach (Querflöte). 

Die Organisator*innen Emmi Beck und Klaus Irmscher laden alle Interessenten und Interessentinnen herzlich ein. Der Eintritt ist frei, Spenden für die Bürger-Projekte sind willkommen.


Über den Schwaierten Pannekauken und das „Negerdorf“ am Kreinberg Ortsheimatpfleger Lothar Meißgeier liest Schwerter Gedichte opp Platt

Texte und Lebensumfeld der Autoren Albert Külle und Josefine Bornemann bieten spannende Zeitdokumente

Schwerter Plattdeutsch im Original bot Lothar Meißgeier mit einer Lesung aus dem Werk des Schwerter Stadtpoeten Albert Knülle als auch mit dem Vortrag eigener Texte aus dem kleinen Gedichtband mit dem Titel „Hiärwestblaumen“. 

Einen hoch interessanten Abend verbrachten die Gäste der Veranstaltung „Zeitdokumente- Autor*innen des 20. Jahrhunderts“. In dem Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor boten die beiden Referenten Martin Gerst und Sabine Totzauer auf Einladung und Idee von Emmi Beck spannende Einblicke in das Wirken und Werk der beiden Autoren Albert Knülle und Josefine Bornemann.

Martin Gerst, Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen stellte den Schwerter Autor Albert Knülle vor, der überwiegend in Plattdeutsch geschrieben hat.  Martin Gerst erklärte: „Ich bin leider nicht der Plattdeutschen Sprache mächtig“ und betonte seine Freude, mit Lothar Meißgeier, verdient u.a. als  Westhofener Heimatpfleger und ausgezeichnet mit dem Ehrenring der Stadt Schwerte,  einen „mächtigen“ Partner für die Vorträge der Verse an seiner Seite zu haben. So las Meißgeier unter anderem Knülles Text „Dat Pannekaukendenkmol“, für dessen Aufstellung  sich Knülle mit seiner großen Vorliebe für den „Schwaierten Pannekauken“ lange stark gemacht hatte. Streiflichter fielen in dem Vortrag auch auf den  Schwerter Autoren Walter Höher, der ebenfalls auf Niederdeutsch geschrieben hat. (Der Vortrag von Martin Gerst ist unter dem Link am Ende des Artikels nachlesbar.)

Sabine Totzauer führte das Publikum nicht nur in das Werk der Autorin Josefine Bornemann ein, sondern auch per Bildvortrag durch das Eisenbahn-Ausbesserungswerk in Schwerte-Ost (Bau 1914), durch das sie ihre Besucher ehrenamtlich auch „live“ im Alltag führt. Ebenso wurde die Eisenbahnersiedlung am Kreinberg mit ihren damals neuen Errungenschaften des modernen Wohnens, als Lebensumfeld der Autorin Bornemann spannend beleuchtet.

So nahm Josefine Bornemann in ihren Versen, die zwischen 1913 und 1923 entstanden sind, auch in amüsanten Zeilen zum Aussehen ihres Ehemannes Bezug auf den Namen „Negerdorf“, der lange für die Siedlung in Schwerte-Ost stand. Sabine Totzauer bot eine von verschiedenen Erklärungsvarianten: Da die Wohnungen als große Neuheit alle mit einem Bad ausgestattet waren, hätten die Arbeiter des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes es als umständlich befunden, von den Werkshallen bis an das hintere Ende des riesigen Geländes zu laufen, um dort die Duschen zu nutzen. Daher hätten  sich viele der Arbeiter dunkel-schmutzig durch das naheliegendem Tor zur Siedlung auf den Heimweg begeben. Überlegungen zur politisch-korrekten Sprachnutzung seien damals noch nicht angestellt worden, daher der damals ungehemmte Gebrauch des Namens „Negerdorf“. Ein Frühlingsgedicht von Josefine Bornemann setzte den Schlusspunkt des Vortrags.

Den Schlusspunkt des unterhaltsamen Abends setzte Reinhard Weiss, der schon zuvor mit kleinen Zwischenspielen auf der Gitarre und gemeinsamen Gesang für Abwechslung gesorgt hatte. Die Gäste wurden mit dem passenden Lied von Reinhard Mey verabschiedet, das alle gerne mitsangen: Gute Nacht, Freunde!

Text und Fotos: Martina Horstendahl

Beifall für die guten Vorträge
Sabine Totzauer
Lothar Meißgeier
Martin Gerst
Reinhard Weiss
Die Aktuere und Akteurinnen des Abends

Martin Gerst ist Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen und erster Schräpper im Vorstand der Östlichen Nachbarschaft in Westhofen

Stadtpoet Albert Knülle pflegte das Plattdeutsch Josfine Bornemann schrieb auf dem Kreinberg

Martin Gerst und Sabine Totzauer präsentieren spannende Persönlichkeiten           in der Reihe "Zeitdokumente - heimische Autor*innen des 20. Jahrhunderts"

Die Pflege und Erhalt der plattdeutschen Sprache standen im Lebensmittepunkt von Albert Knülle (1878–1961),  den man auch den Stadtpoeten nannte. Noch im vorigen Jahr sorgte eine plötzlich wieder aufgetauchte Schallplatte aus den 50er/60er Jahren  mit Knülles Gesang des Gedichtes „Wo dä Ruhr sick schlängelt...“ für Furore. Knülle  ist einer der schreibenden Schwerter Persönlichkeiten, die in der nächsten Veranstaltung  der Reihe „Zeitdokumente – heimische Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ am 10. April um 19 Uhr im Alten Rathaus der Schwerter Mitte am Markt in den Focus gestellt werden.

In dem Bürgerprojekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor stellt Martin Gerst, Vorsitzender des Heimatvereins Westhofen, den Autor und Heimatfreund Albert Knülle vor. Die Einführung von Martin Gerst wird auch weitere Heimatfreunde und Heimatpfleger wie z.B. Lothar Meißgeier, der auch die plattdeutschen Texte Knülles vortragen wird,  oder Josef Spiegel in den Blick rücken, die sich öffentlich zu unserer Heimatstadt Schwerte bekannt und sich in ihrem Engagement der Heimatpflege gewidmet haben. Sie alle haben wichtige Zeitdokumente erschaffen und hinterlassen.

Sabine Totzauer ist Geschäftsführerin im Oberschicht und aktiv bei den Schwerter Eisenbahnfreunden Schwerte. Sie leitet regelmäßig fachkundige Besucher-Rundgänge durch das ehemalige EAW.

Auch Josefine Bornemann (1894 -1930) hat mit ihren Gedichten aus der Eisenbahner-Siedlung in Schwerte-Ost  solche Zeitdokumente hinterlassen. Die junge Ehefrau und Mutter hält in ihrem „Tagebuch“ (1913 – 1923) in freiem Versmaß fest, was sie und ihr familiäres Umfeld in Schwerte –Ost bis zu ihrem frühen Tod mit 36 Jahren bewegt: Hochzeiten, Geburten, Grubenunglück, Erlebnisse des Ersten Weltkrieges usw. Sie überliefert uns damit eine Chronik ihrer Zeit. Einige Reime sind schwermütig, andere zeugen von feinsinnigem Humor. Literaturkritiker urteilen, dass sie bei entsprechender Förderung viel mehr hätte erreichen können.

Sabine Totzauer, aktiv im Oberschicht und bei den Eisenbahnfreunden Schwerte, zeigt  bei ihrer Vorstellung der Autorin aus der Eisenbahnersiedlung auch den revolutionären Neubeginn für Schwerte auf, als 1914 der Bau des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes und der Kreinberg-Siedlung unterschrieben wurden. Neue Chancen auf Arbeitsplätze und auf neue Mitbürger waren damit besiegelt. Im Sinne der auch vom „Bauhaus“ praktizierten Philosophie des „Arbeitens und Wohnens nebenan“ entstanden moderne Wohnungen mit großen Gärten und Komfort. Alle Bedürfnisse der EAW-Arbeiter und deren Familien konnten im engen Umkreis erfüllt werden, wie Sabine Totzauer auch veranschaulichen wird, wenn sie Josefine Bornemann und ihre Texte in ihrer Umgebung verortet.

Musikalisch begleitet wird der Abend mit Gitarrenklängen von Reinhard Weiss aus Holzen. Die Organisation hat Emi Beck im Rahmen der Bürgerprojekte aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor übernommen. 


15.02.2019

Autor Alfred Hintz zeigt Schicksal der Juden in Schwerte auf                   Junges Theater "gegenwind" sorgt erschütternd für Gänsehaut

Die Erinnerung an die Greul der Naziherrschaft wachhalten, um eine Wiederholung zu verhindern

Gänsehaut und Erschütterung haben die jungen Darsteller der Theatergruppe „gegenwind“ mit Szenen zu Drangsalierung, Deportation und Ermordung Schwerter Juden erzeugt. Anhand von Schicksalen einzelner Schwerter Familien blieben Angst und Grauen der Nazi-Zeit im Herzen spürbar, im Kopf weiterhin unfassbar.

Nachgestellte Szenen jüdischen Lebens in Schwerte unter dem Nazi-Terror: Es dominieren Hilflosigkeit und Verzeiflung
Angst und Trauer
Fassungslosigkeit

Autor und Historiker Alfred Hintz gab in seinem Vortrag „Jüdisches Leben in Schwerte“ eingehende Informationen zur Geschichte. In einem Abriss schilderte er, wie der Alltag der Juden landesweit und speziell in Schwerte sich über lange Zeit gestaltete (siehe Link unten zum Herunterladen des gesamten Vortrags). Dabei machte er deutlich: In Schwerte habe es immer ein gutes und harmonisches Zusammenleben der verschiedenen Religionen gegeben. So seien auch die Juden vollkommen integriert gewesen.

Juden waren in das Schwerter Stadtleben vollkommen integriert

Als wohlhabende Geschäftsleute seien sie stark im Stadtparlament der Stadt vertreten gewesen, in dem sie sich mit großem Einsatz für die Belange Schwertes engagiert haben. Auch gemeinsame Feste seien mit Respekt und Rücksichtnahme in guter Nachbarschaft innerhalb der Schichte begangen worden, so dass der gemeinsamen Freude am Feiern nichts im Weg gestanden habe. Ein gutes Dokument für diese Verbundenheit sei das 1885 von Dr. Friedrich Theodor Tütel verfasste „Schwerter Nachbarschaftslied“ (Link zum Nachlesen des Nachbarschaftsliedes siehe unten). So sei das Leben gut und in Harmonie verlaufen – bis in den 30er/40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Naziherrschaft alles zerstört habe.

Gerlinde Heinrich erläuterte die Bedeutung der Schwerter Stolpersteine, die an die Schicksale der Menschen jüdischen Glaubens erinnern, die einstmals in Schwerte in Ruhe und Frieden gelebt hatten – dann aber so grausam aus ihrem Alltag gerissen und unter Zwang in die Kette von Diffamierung, Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz, Deportation und Tod eingegliedert wurden. Als ehemalige Realschul-Lehrerin hatte Gerlinde Heinrich das Interesse ihrer Schüler an dem Thema „Judentum in Schwerte“ mit der Gründung einer Theatergruppe geweckt. Noch heute, nach ihrer Pensionierung, ist sie die „Chefin“ der Theatergruppe „gegenwind“. Mit ihren Auftritten möchte die Gruppe auch jetzt, mehrere Jahre über ihre Schulzeit hinaus weiterhin daran mahnen, die Greul der Vergangenheit nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass dieser Teil der Geschichte sich nicht wiederholen kann.

Abwendung von demokratischen Grundwerten künftig früh bekämpfen

Klaus Irmscher, ehemaliger Kantor der St. Viktorkirche, gestaltete den musikalischen Rahmen am Klavier themenbezogen mit Werken der jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy und Louis Levandowski. In der anschließenden Diskussion,  gewandt geleitet von Moderatorin Bianca Dausend, war den Wortbeiträgen der Gäste zu entnehmen:  Die schrecklichen Erinnerungen an die 30er/40er Jahre  des vergangenen Jahrhunderts müssen wach gehalten werden und erste Anzeichen für einen Richtungswechsel weg von den demokratischen Grundwerten – anders als damals - gleich bekämpft werden. Denn so etwas darf nie wieder geschehen.

Die Reihe  „Zeitdokumente – Schwerter Autoren und Autorinnen im 20. Jahrhundert“ ist ein Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor, initiiert und organisiert von Emmi Beck und Klaus Irmscher. Zur nächsten  Veranstaltung  mit Autorinnen und Autoren aus Schwerte wird am 10. April in das Alte Rathaus der Schwerter Mitte am Markt eingeladen.

Text und Fotos: Martina Horstendahl

Autor Alfred Hintz
Die Akteure des Abends
Moderatorin Bianca Dausend
Musiker Klaus Irmscher (Kantor a.D.)
Schluss-Ablaus für Gerlinde Heinrich (r.) und ihr Theater-Team

Foto: M. Horstendahl

Zeitdokumente – Schwerter Autoren           und Autorinnen im vorigen Jahrhundert

Reihe startet mit Alfred Hintz: Das jüdische Leben in Schwerte/ Gerlinde Heinrich und "gegenwind" stellen Stolpersteine vor/         Klaus Irmscher spielt Klavier-Werke jüdischer Komponisten

Durch Schilderung des damaligen Zeitgeschehens und persönlicher Empfindungen geben Schwerter Autoren und Autorinnen Einblicke in das 20. Jahrhundert.

Sie erzählen in ihren Werken aus verschiedenen Perspektiven über Leben und Wirken im Ruhrtal. Dies stellen sie persönlich - oder vertreten und ergänzt durch Angehörige und Freunde vor. Im Mittelpunkt stehen Zusammenleben, Neuanfang, Veränderungen und Bekenntnisse. 

In einer lockeren Reihenfolge werden in diesem Jahr mehrere Veranstaltungen zu und mit heimischen Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts angeboten. Der Blick geht dabei quer durch die vergangenen hundert Jahre. Beginn ist jeweils um 19 Uhr im Alten Rathaus in der Schwerter Mitte am Markt.

Die Auftaktveranstaltung unter der Moderation von Bianca Dausend startet am Mittwoch, 13. Februar 2019. Dann eröffnet Autor Alfred Hintz mit dem Thema: „Das jüdische Leben in Schwerte und unsere Erinnerungskultur“ den Autoren-Reigen. Ergänzt wird die Lesung durch Referentin Gerlinde Heinrich, die über die Bedeutung der „Stolpersteine“ in unserer Stadt berichtet. Im Rahmenprogramm treten die junge Theatergruppe „gegenwind“ sowie Klaus Irmscher am Klavier mit Musik jüdischer Komponisten auf. Im Anschluß ist Gelegenheit für eine gemeinsame Diskussion mit den Gästen anberaumt.

Alfred Hintz, geboren in Schwerte, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 30 Jahre als Journalist für verschiedene Zeitungen. Danach ging er seinen historischen Interessen nach und studierte Geschichte. Als Historiker widmet er sich der Schwerter Stadtgeschichte. Gerlinde Heinrich, pensionierte Realschullehrerin, weiß, wie bei Schülern und Schülerinnen die Erinnerungskultur wachgehalten wird.

Die Veranstaltung ist ein Bürger-Projekt aus dem „Atelier der Ideen“ der Bürgerstiftung St. Viktor. Idee und Organisation: Emmi Beck, Beratung und Organisation: Klaus Irmscher. Der Eintritt ist frei, Spenden sind gerne willkommen.