Jüdisches Leben in Schwerte


Ohne Meldung unbekannt verzogen

Fenster-Ausstellung dokumentiert Leben, Vertreibung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen in Schwerte unter der Nazi-Diktatur

„Ohne Meldung unbekannt verzogen“ – ein nur scheinbar nüchterner Aktenvermerk, hinter dem sich tragische Lebensläufe von Leid und Tod verbergen. Im Kontext der Judenverfolgung erfährt dieser Satz eine höchst zynische Deutung.

Darauf spielt der gleichnamige Titel der Ausstellung an, die Leben und Schicksal der Juden und Jüdinnen in Schwerte unter der NS-Diktatur aufzeigt. „Ohne Meldung unbekannt verzogen“ ist ab Samstag, 17. April in den Fenstern der Zwischen Mitte am Cava-Platz zu sehen.

Aktionen zum Thema "jüdisches Leben" über das ganze Jahr verteilt

Die Präsentation ist Teil einer ganzjährigen Schwerter Veranstaltungs-Reihe „Jüdisches Leben“ in Kooperation der Bürgerstiftung Schwerter Mitte mit der Stadtkirchenarbeit St. Viktor. Damit beteiligen sich die beiden Institutionen gemeinsam an dem landesweiten Aktionen in diesem Jahr zu dem Thema "1700 Jahr jüdisches Leben in Deutschland".

Der Schwerter Historiker Alfred Hintz dokumentiert in seiner erschütternden Zusammenstellung der Ausstellung "Ohne Meldung unbekannt verzogen" anhand individueller Schicksale den unfassbaren Weg der Schwerter Stadtgesellschaft aus dem gemeinschaftlichen Alltag heraus hin zu Diskriminierung der Juden, Degradierung zur minderwertigen Rasse, Segregation und Vertreibung sowie Deportation und Massenmord.

Alfred Alexander war Berufsmusiker und begleitete 1918 bis 1927 die Filmvorführungen im Lichtspieltheater "Zur Reichskrone" gegenüber der Post in Schwerte. Nach Gefängnis- und KZ-Aufenthalt kam er in ein Arbeitslager, aus dem ihm Ende März 1945 die Flucht gelang. Er überlebte als einer der wenigen den Holocaust und blieb in Schwerte.

Nazi-Diktatur zerstörte das friedliche Zusammenleben in Schwerte

Bis zur Nazi-Diktatur hatten in der Ruhrstadt Juden und Christen in guter Nachbarschaft gelebt, wie Hinz recherchiert hat. Die Nähe von Kirche und Synagoge, gemeinsames Bewohnen der Häuser und das Schwerter Nachbarschaftslied zeugen u.a. davon.

Auch waren jüdische Bürger schon recht früh in der Kommunalpolitik tätig. Ebenso engagierten sie sich ehrenamtlich. „So führte Dr. Heinz Meyer den SSV O6 als Vorsitzender. Leopold Sternheim war 1909 Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr Ergste und Johanna Reifenberg bildete gemeinsam mit Agnes Tütel den Vorstand des DRK Schwerte“, wie Alfred Hintz beispielhaft anführt. Das Leben in Schwerte sei gut und in Harmonie verlaufen – bis in den 30er/40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Naziherrschaft alles zerstört habe.

Lebensgeschichten Schwerter Juden und Jüdinnen auf Bild- und Text-Tafeln

Der die Ausstellung begleitende Vortrag, in dem der Schwerter Historiker im Mai weitere Einblicke in das jüdische Leben in Schwerte gewährt hätte, muss aus Corona-Gründen verschoben werden. Die Veranstaltung mit Alfred Hintz wird aber auf jeden Fall nachgeholt, sobald es die Lage wieder zulässt.

Bis dahin spricht die Fenster-Ausstellung mit ihren persönlichen Lebens-Geschichten jüdischer Mitbürger:innen und ganzer Schwerter Familien für sich und bringt auf großen Text- und Foto-Tafeln die Erlebnisse zu Zeiten vor und während des Nazi-Terrors in unserer Heimatstadt beeindruckend nahe. Zu sehen ist die Freiluft-Ausstellung bis zum 15. Mai 2021.

Redaktion: Martina Horstendahl

Das Projekt wird vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichsstellung des Landes Nordrhein Westfalen im Rahmen des Programms #heimatruhr gefördert.


Rodef Schalom: Jage dem Frieden nach                                                Jüdisches Leben in Schwerte damals und heute

Aktionsreihe der Schwerter Mitte und der Stadtkirchenarbeit St. Viktor zum bundesweiten Festjahr

Wie ist es jüdischen Schwertern und Schwerterinnen vor und während der Nazi-Diktatur in unserer Stadt ergangen? Wie konnte das zuvor gute Zusammenleben an der Ruhr einen derart fatalen Riss bekommen? Wie sieht der Alltag eines Juden oder einer Jüdin heute aus? Diese Fragen stehen im Fokus einer Aktionsreihe „Rodef Schalom: Jage dem Frieden nach - Jüdisches Leben in Schwerte“, die gemeinsam von der Bürgerstiftung Schwerter Mitte und der Stadtkirchenarbeit St. Viktor in diesem Jahr aufgestellt wird.

Aktionen mit Ausstellung, Film, Musik, Theater, Vorträgen und Interviews

Start ist am 17. April 2021 mit einer Ausstellung in den Fenstern der Zwischen-Mitte am Cava-Platz, Hüsingstraße 2a. Unter dem Titel „Ohne Meldung unbekannt verzogen“ hat der heimische Historiker und Journalist Alfred Hintz eine Zusammenstellung von Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen in Schwerte vor und während des Zweiten Weltkriegs recherchiert und dokumentiert. Mit Auskunft, Fotos und Tipps waren auch verschiedene Heimatvereine und Institutionen der Ruhrstadt unterstützend beteiligt. Die berührende Ausstellung ist vier Wochen lang per Freiluft-Besuch bis zum 15. Mai zu sehen.

Die weiteren Planungen der Reihe - teils unter Mitwirkung der jüdischen Gemeinden Dortmund und Unna - beinhalten Filmvorführungen, die Aktion „Von Stolperstein zu Stolperstein“ mit kulturellen Beiträgen von Schwerter Gruppen, Vorträge sowie Interviews mit jungen jüdischen Mitbürger:innen, die aus dem jüdischen Leben im Hier und Heute berichten. Am 3. September ist die Klezmer-Band Naschuwa zu Gast in Schwerte.

Austausch und Toleranz anregen für ein friedliches Miteinander

Die Reihe ist angeregt durch das bundesweite Festjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ entstanden. „Wir möchten mit unseren auf Schwerte bezogenen Aktionen nicht nur die mahnende Erinnerung an den verwerflichen, grausamen Umgang von Verfolgung und Vernichtung der Jüdischen Mitbürger*innen aufrecht erhalten, sondern auch das jüdische Leben als wichtigen Bestandteil unserer Gesellschaft wieder mehr in unsere Mitte holen,“ erklären Martina Horstendahl (Ensemble-Leiterin Schwerter Mitte) und Tom Damm (Stadtkirchenpfarrer St. Viktor) als Organisator:innen der Serie die reichhaltige Palette der Angebote: „Wir möchten breitgefächert informieren, den Austausch anregen und gegenseitige Toleranz und Akzeptanz fördern für ein friedliches Miteinander. Daher auch die Wahl unseres Titels: Rodef Schalom: Jage dem Frieden nach!“